Erleben wir schon bald eine Trendwende zurück zum Wohnen im ländlichen Raum?

Seit Jahren kennt der Strukturwandel in Rheinland-Pfalz nur eine Richtung: Immer mehr Menschen zieht es weg vom Land in die Ballungsgebiete. Doch inzwischen häufen sich die Anzeichen für eine Trendwende: Erlebt die vielbelächelte „Provinz“ bald einen ungeahnten Boom?

MoselblickNicht nur malerisch: Das ländliche Leben verspricht aktuell attraktive (Zukunfts-)Perspektiven vor allem für Familien. Denn das Leben in den Groß- und Schwarmstädten wird immer teurer. Das Land bietet aber noch mehr als nur Preisvorteile. - Foto: Frans Berkelaar/flickr.com

Von Harald Gruber

Aktuelle Umfragen zeigen eine klare Richtung: Viele Großstädter möchten am liebsten wegziehen. Vor allem die Jungen, die – koste es, was es wolle – seit vielen Jahren ihrer ländlichen Heimat den Rücken zukehrten, um ihr Glück in den Metropolen an Rhein, Isar oder Elbe zu suchen, sind mehr und mehr unzufrieden mit ihrer Situation.

„Koste es wolle“ ist hier jetzt aber genau der entscheidende Knackpunkt. Denn in den so genannten „Schwarmstädten“ wird die Luft fürs ganzheitliche Wohlbefinden immer dünner.

Und das liegt weniger an den Abgaswerten entlang der Hauptverkehrsstraßen als vielmehr an den Immobilienpreisen, die in Frankfurt, Stuttgart, Köln, Berlin oder Hamburg ins Astronomische schießen – in München sowieso, wo für eine Neubau-Eigentumswohnung inzwischen locker mal 8.000 €/qm bezahlt werden müssen.

Selbst für gutverdienende Singles wird da der Traum von den eigenen vier Wänden zur Seifenblase, für junge Familien mit zwischenzeitlich zwei Einkommen eine Vierzimmerwohnung oder gar ein Reihenhäuschen zum unerreichbaren Luftschloss.

Wenn also in der Stadt eine Zweizimmerwohnung im dritten Stock mit Fenster zur Stadtautobahn mehr Geld kostet als im Dorf der Eltern ein freistehendes Einfamilienhaus mit großem Garten, dann wird so mancher Großstadt-Hipster inzwischen nachdenklich.

Zumindest dann, wenn er dem Nonstop-Party-Alter so langsam entwachsen ist und ans Gründen einer eigenen Familie denkt. Zumal dann irgendwann ohnehin nicht mehr die Frage zählt, in welchem Kino welcher Blockbuster-Film gezeigt wird oder wann welcher Abtanz-Schuppen noch offen hat, sondern ob es nebenan einen freien Kita-Platz gibt – oder eine Grundschule, an der NICHT der Putz von den Wänden bröckelt oder die Pausenaufsicht NICHT täglich die Drogendealer vom Schulhof verjagen muss.

Es spricht wieder viel für den ländlichen Raum

Liest man die aktuellen Studien, so sprechen in der Tat viele demographische, ökonomische und technologische Gründe für das Comeback des ländlichen Raums und der Regionen.

So müssen sämtliche Bevölkerungsprognosen für die nächsten Jahrzehnte aufgrund der Zuwanderung in den letzten Jahren neu berechnet werden. Bis 2021 prognostiziert beispielsweise das Institut der deutschen Wirtschaft einen Anstieg der Einwohner von heute 82 auf dann rund 84 Millionen.

Wenn aber Deutschland plötzlich wieder wächst und die Zentren schon jetzt überquellen, dann ist dies für die bislang unter stetiger Abwanderung leidenden Schrumpfungsregionen eine echte Chance.

Auch wirtschaftlich spricht viel für den ländlichen Raum. Vielfach wird nämlich übersehen, dass bundesweit gesehen hier rund 60 Prozent der Betriebe und ein Großteil der mittelständischen Unternehmen angesiedelt sind – und die meisten davon suchen händeringend nach Arbeitskräften, sowohl im Handwerk als auch in Hightech-Firmen.

Die Statistiken zeigen es folglich ganz klar: Die Beschäftigung ist auf dem Land deutlich stabiler. Die Zahl der Arbeitslosen geht auf dem Land stärker zurück als in den Großstädten.

Während immer mehr Städter inzwischen fast die Hälfte ihres Einkommens für Miete und Nebenkosten aufbringen müssen, ist es in den ländlichen Regionen häufig nicht mal halb so viel. Und gesunde Lebensmittel gibt es hier günstig beim Bauern um die Ecke – nicht im Schickimicki-Bio-Supermarkt mit astronomischen Gute-Gewissen-Preisaufschlägen.

Technologisch führt der digitale Wandel zu völlig neuen Arbeitsplatzbeschreibungen – und damit auch zu einer völlig neuen Form, wie Arbeit definiert und organisiert wird. Mit flächendeckend schnellem Internet lässt sich in jedem Dorf, jeder Kleinstadt produzieren und arbeiten.

Schon heute kann sich jeder zweite Arbeitnehmer vorstellen, von zu Hause aus zu arbeiten. Lange Wegstrecken und Pendeln werden zum Auslaufmodell.

Auch für die Unternehmen hat der ländliche Raum Zukunft – schon allein aufgrund günstiger Gewerbeflächen und einem traditionell wirtschafsfreundlicheren Umfeld in den Rathäusern und Kreisverwaltungen.

Zusätzlich werden durch die Digitalisierung und den damit verbundenden technischen Fortschritt neue Formen der sozialen Daseinsvorsorge entstehen.

Nicht nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung schwärmt bereits: „Eine Antwort auf den Ärztemangel auf dem Land sind Online-Praxen. ,Mobile Health‘ bringt den Landarzt zurück. Patienten werden am Telefon oder online behandelt. Das Rezept und die Krankschreibung folgen per Mail. Lange Wegstrecken und Wartezeiten werden überflüssig.“

Und einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge können sich mehr als 80 Prozent der Bürger vorstellen, zu Hause die Hilfestellung eines Roboters zu nutzen, wenn sie dadurch im Alter länger in den eigenen vier Wänden wohnen können.

Das alles kann freilich nur funktionieren, wenn die Politik auch bereit ist, endlich die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Aus Berlin kommt dazu freilich herzlich wenig – obwohl sich der zumindest beim Schreiben dieser Zeilen noch offiziell mitregierende CSU-Chef Horst Seehofer zum Amtsantritt ein neues Namensschildchen als „Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat“ hat anschrauben lassen.

Gesamtstrategie der Politik dringend gefragt

Großstädte, die längst an ihre Grenzen stoßen hier, ländlicher Raum mit seinen schier unendlichen Entwicklungsmöglichkeiten dort: Gefragt ist eine innovative Gesamtstrategie für die Zukunftsthemen Digitalisierung, Mobilität, Gesundheit, Bildung, neues Arbeiten und Freizeitgestaltung.

Die digitale Revolution macht eine Revolution des öffentlichen Regionalverkehrs zur Anbindung des Umlands möglich und nötig. Den Städten muss keine Überfüllung drohen, wenn der Leerstand auf dem Land als Chance erkannt wird.

Zumindest in diesem Punkt ist in der Tat die Mainzer Koalitionsregierung aus SPD, FDP und Grünen einen ganzen Schritt weiter als der selbsternannte Heimatminister in Berlin.

Hier in Rheinland-Pfalz wird das Thema Förderung des ländlichen Raums als Querschnittsaufgabe verstanden, zu der möglichst alle Ministerien einen möglichst nachhaltigen Beitrag leisten.

Ob gezielte Städtebauförderung zur Stärkung kleinerer Städte und größerer Gemeinden, ob Innovationsprogramme wie „ZukunftsCheck Dorf“ oder Ideenwettbewerbe wie „Unser Dorf hat Zukunft“ samt Sonderpreisen wie „Kinder- und jugendfreundliche Dorferneuerung“: Man kann unserer Landesregierung vielleicht viel vorwerfen, ganz sicher nicht aber einen Mangel an Fantasie und guten Willen bei der Entwicklung des ländlichen Raumes.

Was freilich nicht heißen soll, dass hier schon alle Möglichkeiten ausgereizt sind. Ob Ausbau des schnellen Internets, Verbesserung des Öffentlichen Nahverkehrs, Bürokratie-Abbau oder Förderung von nachhaltiger Landwirtschaft: So dick die Buchstaben in den Ankündigungs-Pressemitteilungen, so dünn sind bislang die tatsächlich erzielten Fortschritte.

Haus & Grund wichtiger Interessenvertreter

Nicht zuletzt auch deshalb sucht der Haus & Grund Landesverband Rheinland-Pfalz immer wieder das Gespräch mit den zuständigen Stellen – sowohl auf ministerieller Ebene als auch in den untergeordneten Behörden.

Damit vertritt Haus & Grund als Eigentümerschutz-Gemeinschaft nicht nur die Interessen seiner Mitglieder, sondern aller Immobilieneigentümer im Land – und die sind bei einer Eigentumsquote von weit über 50 Prozent klar in der Mehrheit.

Erst recht in den ländlichen Regionen, in denen die Investitions- und Modernisierungsbereitschaft der Privatleute längst zum entscheidenden Zukunftsfaktor geworden ist.

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